Alltagsauferstehungen

Frühblüher

Etwas verloren Geglaubtes wiederfinden

Nach erholsamem Schlaf ohne Wecker erwachen und sich frisch fühlen

Nachlassende Lähmung, Ohnmacht, Schmerz

Das Feiern der Deadline (endlich fertig und wieder im Leben!)

Gott neu entdecken, der so lange verborgen schien

Blumen, die dem Beton trotzen

Das Aufwachen nach einer Operation

Ein freies Wochenende

Ein Wiedersehen nach langer Trennung

Der erste Sonnentag nach einer Woche voll Grau und Regen

Die Umarmung nach einer versöhnlichen Aussprache

Eine Verdachtsdiagnose, die sich nicht bestätigt (mein malignes Melanom)

Morgendämmerungen

Was weinst du?

Er fragt mich:
Was weinst du?

Und ich will antworten:

Ein hartes Urteil
ein liebloses Wort
und
mein hartes Urteil
mein liebloses Wort.

Das verlorene Kind
eine verletzte Liebe
ein verflogener Traum.

Und er fragt mich nochmal:
Was weinst du?

Und ich
verstehe immer noch
nicht
will weinend weiter zählen
und erzählen:

Die schmerzvolle Krankheit
ein drohender Abschied
der unabwendbare Tod.

Und unsere Gleichgültigkeit
das Tränengas,
der Terror.

Und er
ER
ruft mich
bei
meinem Namen.

Und meine Tränen
versiegen
meine Stimme
zittert

und ich bin
ganz kurz
versucht
zu sagen:

Wo warst du?
Als K. starb
und in Syrien
und letztes Jahr am 13. April
und vorhin,
als ich dich suchte.

Warum hast du dich
nicht gleich
zu erkennen gegeben –
ich habe dich
für den Gärtner
gehalten.

Warum
will ich fragen
ich verstehe
manchmal
diese gebrochene Welt
und dich
und das Leid
nicht.

Aber
ich kann nichts
sagen
noch fragen.

An diesem Morgen
höre ich
zärtlich
meinen Namen
aus seinem Mund
sehe ich
leuchtend
das Angesicht
des Auferstandenen
spüre ich
mit allen Sinnen
das Leben

und ich antworte

Rabbuni –
mein Meister!

Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
                                                                                                             
– Johannes 20, 15 – 16

Vergnügungen

  • warme Wollsocken
  • ein Dachschrägenfenster, das nur den Himmel zeigt
  • mein Tattoo auf dem Unterarm (auch wenn es nicht für immer ist)
  • rote Lippen
  • Zartbitter-Walnuss- und Mandelaufstrich
  • Stille
  • graue Spitzenunterwäsche (und die Erkenntnis, dass das kein Widerspruch ist)
  • bunte Bilder, dicke Buchstaben und verheißungsvoll weißes Papier
  • kalte Wasserspritzer
  • Traumfetzen, die nach Frühling schmecken

Bobbycar-Ermutigung

Als ich vor einiger Zeit bei lieben Freunden ins Wohnzimmer kam und einen schwarzen Bobbycar mit weißem Puppenwagen-Anhänger sah, musste ich schmunzeln:

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Meine Nichte Maya hatte zu ihrem Geburtstag fast die selbe Konstruktion gebaut und mich damit zum Nachdenken angeregt (nachzulesen hier: Von Maya, Mut und Möglichkeiten).

Die beiden Mädels die hier mit glitzerndem Geschenkband dafür gesorgt haben, dass der Teddy im Anhänger hinter dem Bobbycar herkommt, waren zu Mayas Geburtstag nicht dabei, sondern hatten offenbar selbst eine ähnliche Idee.
Ich musste nicht nur schmunzeln, ich konnte nicht umhin, ein Foto von diesem tollen Gespann zu machen.

Denn dieser Anblick war ein Fest für meinen Möglichkeitssinn! Es war eine heitere, ungebetene Ermutigung, dass ich auf der richtigen Spur bin mit meiner Suche nach anderen, ungewohnten und ungekannten Wegen und dem Versuch nicht gleich „geht nicht“ zu sagen, sondern erstmal meine Gedanken und Ideen, und auch Gegensätzliches oder scheinbar „Unmögliches“ zuzulassen und daran anzuknüpfen.

Und wenn ich mir jetzt meine Alltags-Mut-und-Möglichkeiten-Liste vom September anschaue, dann freue ich mich, dass ich einige Dinge auch tatsächlich in die Tat umgesetzt habe:
Aus dem Tanzkurs ist zwar nichts geworden, aber dafür gab es ein fröhliches Wiedersehen mit meinen alten Freunden. Die unmöglich scheinende Terminfindung hat sich ganz kurzfristig gelöst, als die beiden dann einfach spontan um den 3. Oktober zu mir gekommen sind.
Auf eine Anfrage, ob ich eine bestimmte Sache tut könnte, habe ich mit einem klaren „Nein“ geantwortet und gemerkt, dass das gar nicht so Wellen geschlagen hat, wie ich zunächst vermutet hatte.
Als ich einem älteren fremden Herrn in der Nachbarschaft sagte, wie beeindruckend ich seine übermannesgroßen strahlend leuchtenden Sonnenblumen finde, strahlte er nicht weniger und erzählte mir gleich eine Geschichte dazu, wie deren Samen zu ihm kamen. Seine Freude über das Kompliment und sein Stolz auf seine Blumen erfreuten mich gleich mit (und erinnerten mich an unerwartete Komplimente von Fremden, die mich teilweise überrascht und beschwingt haben).
Mein Handy ging an einem Wochenende im Oktober plötzlich kaputt und ich war somit nicht nur ein Wochenende, sondern sogar noch länger ohne. Das nervte mich anfangs ehrlich gesagt ziemlich, aber die fehlende Ablenkung habe ich manchmal vermisst, seit das neue Handy in Betrieb ist.
Und ich habe endlich den unbekannten Nachbarn, die mich mit ihren Kerzen und Blumen zum Lächeln bringen im November eine kleine Karte hinterlassen – und zu Weihnachten von zweien ganz herzliche, erfreute Grüße zurück bekommen.

All das sind keine großen oder revolutionären Aktionen, aber Alltagsdinge, die mich ein bisschen Mut und Zeit, Überwindung und Einsatz gekostet haben („geht nicht“ zu sagen wäre meist leichter gewesen). Für diese Möglichkeiten musste ich mich entscheiden.
So manches kleine Projekt von der Liste lief anders als gedacht (oder auch gar nicht) – aber hier schließt sich ein Kreis: Denn letztlich ist genau das „anders als gedacht“ ja Bestandteil des Möglichkeitssinnes und ein Teil dessen, was ich auch weiterhin erspüren will: dass und wie es auch anders sein könnte, dass unzählige Möglichkeiten und das wunderbare Leben auf mich warten.

Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Macht euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.
Christian Morgenstern

 

Ich will leben

Heute
und jetzt
will ich leben
in diesem Jahr
in der Gegenwart.

Und da ist Gott:
gegenwärtig.

 

Frei
und hoffnungsvoll
will ich leben
in diesem Jahr
im Vertrauen.

Und da ist Gott:
verheißungsvoll.

 

Liebevoll
und zugewandt
will ich leben
in diesem Jahr
für mein Gegenüber.

Und da ist Gott:
in der Begegnung.

 

Dankbar
und gelöst
will ich leben
in diesem Jahr
im Frieden.

Und da ist Gott:
schenkt Segen.

 

Authentisch
und gnädig
will ich leben
in diesem Jahr
im Schweren.

Und da ist Gott:
da.

 

Vergnügt
und intensiv
will ich leben
in diesem Jahr
mit allen Sinnen.

Und da ist Gott:
mitten im Leben.

 

 

Fürchte dich nicht

Inmitten in diese Nacht
die nicht romantisch ist
sondern dunkel
voller Bangen und
Alltagssorgen

Inmitten in diese
ungerechte Welt
in der es immer noch
narzisstische Herrscher gibt
und hart arbeitende Hirten

Inmitten dieser Nacht
inmitten dieser Welt
wird ein Kind geboren
blutverschmiert
es schreit
es atmet
es saugt
es schaut
es greift
es schläft ein
ein Lächeln auf den Lippen

Inmitten dieser Nacht
erzählen die Engel
von diesem Kind
von einem Wunder
von großer Freude
und neuem Leben
und einem großen Gott
von Frieden auf Erden
und Unmöglichem
das möglich wird

Sie rufen dir und mir zu:
Fürchte dich nicht
vor dem Bösen dieser Welt
fürchte dich nicht
vor dem Versagen
und vor dem Vergleichen
fürchte dich nicht
vor dem neuen Jahr
und dass du nicht genug bist
fürchte dich nicht
vor Verlust und Schmerz
und der Dunkelheit

Dieses Kind ist
ein Wunder
des Lebens
und der Liebe
gewachsen und
im Wachstum
Tag für Tag

Inmitten dieser Nacht
wurde es laut
als dieses Kind geboren wurde
(es war bestimmt keine
stille Nacht)
es wurde Licht
und es wird licht
Frieden und Freude
sind Verheißung

Halte einfach
das Kind im Arm
und staune
über
neugeborenes Leben
und neugeborene Hoffnung
Halte es auch aus
wenn es schreit
Es ist
dein Erlöser
Halleluja!

 

Meine Advents-to-do-Liste

Die letzte Adventswoche ist angebrochen. Alle reden vom dieses Jahr doch so kurzen Advent und was noch alles in den wenigen Tagen bis Weihnachten ansteht.
Heute hab ich meine persönliche Advents-to-do-Liste geschrieben, angeregt von Susanne und ihrem wunderbaren Adventskalender.
Man könnte sie eigentlich auch die was-mich-im-Advent-glücklich-macht-Liste nennen. In diesem Advent kann ich schon einige Punkte abhaken, die mir in den letzten Wochen so einige Sternminuten beschert haben.
Ich habe zwar auch eine etwas konkretere to-do-Liste für diese Woche (aufräumen, Geschenke einpacken, Buch abholen…) aber auch für die Punkte auf meiner Advents-to-do-Liste soll diese Woche Zeit sein. Effizienz und Zeitmanagement hin oder her, sie sollen genauso zu meinen to dos und meinen Plänen gehören. Punkt 1 steht zum Beispiel Donnerstagabend real auf dem Programm.
Und wenn am Ende irgendwas nicht geschafft ist – auch nicht schlimm. Weihnachten ist ja kein Projekt mit Deadline 24.12. und auch keine Behörden-Frist, zu der gnadenlos alles fertig vorliegen muss. Im Gegenteil: Mit Weihnachten fing damals und fängt heute alles an…

Meine Advents-to-do-Liste:

  1. Mindestens einmal vom Glühwein gewärmt heiter und beschwingt sein
  2. Bei Dunkelheit durch all die hellerleuchteten Fenster in geschmückte Häuser linsen
  3. Mit Kindern alte Weihnachtslieder singen und sich dabei selbst wieder wie ein Kind fühlen
  4. Stille sein und dem Flackern einer Kerze zuschauen
  5. Heimlich naschen, was vor Weihnachten eigentlich noch verboten ist (wahlweise Mamas Weihnachtsplätzchen oder für die Feiertage vorgekochte Leckereien)
  6. Adventsgeschichten und Gedichte lesen, die den Zauber dieser Zeit einfangen
  7. Wieder neu über ein Neugeborenes und das Wunder des Lebens staunen (wer kein Neugeborenes zur Hand hat: am 24.12. gibt es eins!)
  8. Nach Mistelzweigen Ausschau halten – denn man weiß nie, wann man sie brauchen kann
  9. Weihnachtskarten schreiben (und ab und zu zwischen der Werbung auch eine Weihnachtskarte im Briefkasten finden)
  10. Guter Hoffnung sein