Unruhig

Mein Herz
ist gerade
in seiner Jahreszeit
angekommen
Es ist unruhig
der Wind ist manchmal
scharf
und wechselt so schnell
die Richtung
Die Veränderung
kommt unweigerlich
und manchen kahlen Bäumen
kann es nichts Schönes
abgewinnen
Am Baum noch
strahlen die Blätter
bunt und leuchtend
auf dem Boden der Realität
werden sie dann doch
allzu schnell braun
oder matschig
Aber
bei aller Veränderung
bleibt das Licht
warm

[15.10.2017]

Erdbeben

Kürzlich
gab es in meinem Kopf
ein Erdbeben
Stärke 8 auf der Richter-Skala.
Noch viel mehr
gebebt
hat mein Herz.
Es hat dabei
völlig aus dem Takt
geblutet.

Zerbrochen und zerfallen
sind Traumgebäude.
Zerrüttet und zerstört
die ganze
Planwirtschaft.

Überall Chaos
kein Gedanke auf
gewohnter Bahn.
Die Nerven blank.
Matschstraßen,
mal Schlitterbahn.
Wie ein Sturzbach
die Tränen.

Es war ein
Donnerstag
der Tag, an dem
der Donner
in meinem Kopf
unter der Oberfläche wütete
und die Erde bebte
den Boden unter meinen Füßen
wegriss
und ein schmerzhafter Blitz
mir mitten ins Herz
einschlug.

Heute ist Montag.
Einige Wochen später.
Ich bin immer noch
am Aufräumen.
Schutter hier, Schotter da.
Große, neue Schneisen
im Wald der Wichtigkeiten.
Immer mal wieder ein
Nachbeben.

Als ich mit viel Kraft
ein paar der Trümmer
zur Seite stemmte
um wieder
atmen
zu können
versiegten langsam
die Tränen
und ich sah:
den Himmel.

Da war jemand
der mit den Sonnenstrahlen
sachte
ganz zärtlich
mein Gesicht streichelte.
Ich spürte
Seinen Geist
in der frischen Luft.

Und dann
habe ich vorsichtig
einen Schritt
in die Luft
gemacht.
Und sie trug!

Ich setzte einen Fuß in die Luft und sie trug.  – Hilde Domin

[22.05.2017]

Sonnenlichtstrassen

Die Sonnenstrahlen
sind
immer da
aber nicht immer
sichtbar

nur in diesen
magischen Momenten
in denen
Licht
sich bricht

an einem Berg
einer Wolke
einem Baum

werden sie
gebrochen
gebündelt
sichtbar.

Sonnenlichtstraßen
sind
Schlüssellöcher
in die Ewigkeit

die oft nur
für einen kurzen
Moment
die Kraft
die Wärme
die Schönheit
der Sonne erahnen lassen.

Sonnenlichtstraßen
sind glühende
Zauberstäbe
die einen kleinen Lavastrom
auslösen

vom grübelnden Gehirn
in schlagende Herz
und dort
für eine Verwirbelung
sorgen
die Funken schlägt
vielleicht
ein neues Feuer
entfacht.

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[Sizilien, Mai 2017]

Graurosarot trächtige Wolken

Wolken, die trächtig sind vor Liebe.
Weihnachtswolken.
Wolken über den Dächern
und den Kreuzen
von Jerusalem.

Wolken, graurosarot.
Farbe, die durch das Dunkel bricht
die leuchtet,
wenngleich Nacht wird.

Wolken, die die Widersprüche
des Seins
zum Schweigen bringen.
Die sagen „Psst“ –
es wird dunkel
und es regnet
und der Himmel
hängt schwer.

Aber die Schönheit
des Lebens
das graue Abendrot
bringt auch an diesem
Dezemberabend
eine mächtig zarte
Vorahnung
der liebenden Unendlichkeit.

 

[Jerusalem, Dezember 2016]

 

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Vom Sein

Vom Sein

Gut Ding
will Weile
haben

von Eile
kommen
keine
guten
Gaben

Wasser
aus dem Fluss
schöpfen
überm Feuer
kochen

all dies
braucht Zeit
genug Geduld
Beständigkeit
bisweilen.

Und dann
ist man
einfach da

wartet bis der
Eimer sich füllt
das Wasser
heiß wird
die Sonne
wieder aufgeht

Und wir?
Haben wir
verlernt
zu ruhn,
zu sein,
vor lauter Haben?

Hat die
Annehmlichkeit
unser Sein
begraben?

Hier gehts
ums Da-Sein
tag aus
tag ein.

Und morgen?
Werden wir sein
Werden wir sehen.

[Tansania, Sommer 2011]

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Wunder zur Hand

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

Dieser Spruch von Hilde Domin hat mich durch 2015 begleitet und auch für 2016 wünsche ich mir eine kräftige Hand, ausdauernde Geduld und einen aufmerksamen und liebevollen Blick für all die Wunder um mich herum.

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wenn worte wandern

ich gehe gerne
mit meinen worten
auf wanderschaft
auf wortwanderung
durch
die wälder
die wüsten
die wiesen
die weiten
dieser welt

einer welt
in der ich
wandere
meinen platz suche
und doch weiß:
ich folge einem nach
auf dieser wanderung
ich bin
ein nach-folger
und meine wanderung
hat ein ziel
in der ewigkeit