Wunder dich

Wunder dich. Nimm nicht alles als gegeben hin. Schau hinter Fassaden und unter Schränke. Frag dich, warum das Centstück klebrig ist. Oder der Busfahrer heute lila trägt.

Wunder dich. Das ist wie ein sich-um-die-eigene-Achse-drehen, das kein um-sich-selbst-drehen ist, sondern ein Karussell mit Blick auf die Welt. Ich wundere mich. Da steck das Wunder mitten in mir, vor mir, hinter mir. Vielleicht auch über mir: Wolken sind Wunderbringer, und Sterne auch. Manchmal ist das Wunder in diesen grünblauen Augen. Oder der einen, dicken Falte in dem traurigen Gesicht. Dem erhabenen Leberfleck. Oder der Marmelade im Auge.

Wunder dich. Was du bewunderst, dich verwundert, was du wunderst, das zählt. Nicht wie man eins und eins zusammenzählt, sondern wie man Hängemattentage zählt. Oder Regenbogenstunden. Oder die Geburtstagsbriefe. Und die Stille.

Wunder dich. Warum Menschen Müllmänner werden, oder Pegidaanhänger. Warum du noch nie auf der Stadtmauer spaziert bist oder durch die Saale geschwommen. Sich wundern heißt den Stern auf dem Misthaufen zu betrachten. Und nach mehr Sternen zu suchen, auch wenn es nach Pferdeäpfeln stinkt. Sich wundern heißt ein schnelles im-Kreis-drehen bis alles schwindelig ist – und du etwas Neues, etwas Wundervolles siehst!

[Morgenseiten, Benediktshof, 19.02.2017]

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