Lieber Ich-bin-da

Lieber Ich-bin-da,
wo bist du? Ich hätte gern lieber nicht so einen pathetischen Namen, sondern einen Gott zum Anfassen.
Deine Ria

Liebe Ria,
du kannst mich anfassen. Spürst du die Rauheit der Baumrinde und die zarte Babyhaut? Die Struktur der Muschel und das zottelige Schafsfell? Da bin ich. Du kannst mich berühren. Erzähl mir, was dich bewegt, und du berührst mich.
Dein Ich-bin-da

Lieber Ich-bin-da,
ich habe den Baum umarmt und ein neugeborenes Kind, und meine faltige Oma geherzt. Ich hab mich ganz nah ran an den Fuchs getraut und Steine mit Loch an der See gesammelt. Manches davon waren Gänsehautmomente mit Kloß im Hals und ohne Worte. Ich habe Liebe verspürt, Staunen, den zarten Hauch des Besonderen. Aber dich hab nicht nicht gespürt. Oder warst du das? Der Schauer, der mir über den Rücken lief? Wo bist du?
Deine Ria

Liebe Ria,
ich bin da, wo du bist, und warte auf dich. Halte weiter Ausschau nach mir, ruf meinen Namen in den Raum, werde stille. Gerade wenn du diesen Hauch des Besonderen spürst. Wenn du liebst. Wenn du staunst. Dann zücke nicht das Smartphone, um dieses Moment zu teilen, sondern halte inne und atme tief ein. Und wieder aus. Und ein. Und aus. Schau dir den geliebten Menschen an, das endlose Bergpanorama. Mit aller Zeit der Welt.
Und dann suche mich. Und s
uchst du mich in deinem Gegenüber, auf dem alten Kirschbaum und am Meer – dann wirst du sehen: Ich bin da.
Setz einen Wunderblick auf, einen, der durch die Dinge und hinter die Dinge schaut. Weil es nicht nur Dinge sind. Der die Menschen so sehen will, wie sie wirklich sind, und nicht wie wir sie uns denken. Dann und da bin ich da. Ich bin da, wo du bist.
Dein Ich-bin-da

Lieber Ich-bin-da,
ich hatte keinen Zeit, auf den alten Kirschbaum zu klettern, um dich da zu suchen. Es gab so viele andere Sachen, die mich gerade beschäftigen. Und auch das mit dem Hinter-die-Dinge-Schauen finde ich gar nicht so einfach.  Oder vielleicht finde ich auch nur den Fernlicht-Schalter nicht? Heute jedenfalls, bin ich vielfach bewegt.  Die Mutter meiner Freundin ist viel zu jung gestorben ist. Es überfällt mich Traurigkeit, weil gerade einer meiner geheimen Träume im Nebel verschwindet. Es bewegt mich, was ich am Wochenende machen werde. Und dass ich müde bin. Daher Schluss für heute.
Deine Ria

Liebe Ria,
Ich bin da, wo du bist, gerade in den Momenten, die dich bewegen. Du musst ohnehin nichts, kein Kirschbaumklettern und auch nicht Worte finden, wo du sie nicht hast. Aber ich bin da, und ich halte sie aus, auch die verflixten Momente, in denen du manchmal steckst.
Lass uns zusammen aushalten. Das ist nicht leicht. Halte aus in der Ungewissheit deiner Träume. Dem Winternebel begegnet der Frühling erst nur zaghaft, aber dann bricht sich doch das Neue Bahn. Halte aus im Strudel der Möglichkeiten und bleib beim Wesentlichen. Halte aus im Tod. Und wenn du weiterblickst, siehst du Hoffnung, Licht. Halte aus in der Müdigkeit. Es gibt ein neues Morgen.
Dein Ich-bin-da


Lieber Ich-bin-da,
ich bin auch da. Gestern kam nach meinen Tränen (angesichts des Tod und der Träume und einfach allem, was gerade zu viel ist), nach den Tränen kam die Stille. Und ich hab sie ausgehalten. Und ich glaub, da warst du auch. Jedenfalls war dann da Gänsehaut am ganzen Körper. Am Ende hatte ich zwar wieder keine Worte, aber eine sonderbare Art von Frieden. Und plötzlich Lust auf Mangoeis und einen Caipirinha. Es gab nur Vanille und Zitronenlimo, aber ich hab danach geschlafen wie ein Stein.
Ich will es weiter ausprobieren. Ich will mich selbst nicht immer so wichtig nehmen, nicht alles durchplanen und mich von Zeitdruck dressieren lassen. Auch nicht von den Erwartungen oder der Meinung anderer.  Und meinen kleinen inneren Schweinehund werde ich frei lassen. Ich werde es wagen, ich will stille werden und tief einatmen, und ausatmen. Ich will die Wunderblick-Brille tragen und dich genau da suchen, wo ich bin. Irgendwie sieht dir das ähnlich, mein Gott. Du bist der Ich-bin-da, der in der Schönheit wie dem Schmerz meiner Tage DA ist. So nah. Das hätte ich mir nie zu träumen gewagt, Gott nicht im Himmel, sondern bei mir auf dem Balkon. Bis später!
Deine Ria

 

 Mose sagte zu Gott: »Wenn ich nun zu den Leuten von Israel komme und zu ihnen sage: ›Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch geschickt‹, und sie mich dann fragen: ›Wie ist sein Name?‹ – was soll ich ihnen sagen?«
Gott antwortete: »Ich bin da«.

2. Mose 3, 13-14a

 

 

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