Glück in Kindertagen

Wenn ich als Kind gefragt worden wäre, was Glück ist  – so oder ähnlich hätte ich geantwortet:

Glück ist…

  • Pferde streicheln. Und endlich zum ersten Mal reiten dürfen.
  • Orangensafteis auf dem Gartenhausdach zu genießen (sprich: ein Eis schlotzen!)
  • Im Schulpostkasten einen Brief zu bekommen
  • Ein neues Kleid aussuchen
  • Ganz alleine Zeit mit Mama oder Papa zu verbringen
  • Seltene Besuche von meinem Patenonkel. Mit Überraschungsgeschenk
  • An einem heißen Sommertag im Wasser plantschen
  • Ein Geheimnis ins Ohr flüstern
  • Kichern bis der Bauch wehtut
  • Eine Geschichte erzählt bekommen. Oder sogar aufgeschrieben, nur für mich.
  • Ein Gänseblumenkranz, bei dem die Stiele nicht abbrechen
  • Schnitzel mit Pommes
  • Zwischen Mama und Papa schlafen (im Gräbele)
  • Nikolaustag. Und Weihnachten. Und Ostern. Und Geburtstag. Und eigentlich fast jeder Tag.
  • Samstagnachmittag bei der Nachbarin Tigerenten-Club zu gucken
  • Die Aussicht endlich ans Meer zu fahren. Zum allerersten Mal in meinem Leben.
  • Beim Milchholen von der Bauersfrau Süßigkeiten zu bekommen
  • Beim Spielen zu gewinnen. Ganz ohne Schummeln.
    …[2016]

Graurosarot trächtige Wolken

Wolken, die trächtig sind vor Liebe.
Weihnachtswolken.
Wolken über den Dächern
und den Kreuzen
von Jerusalem.

Wolken, graurosarot.
Farbe, die durch das Dunkel bricht
die leuchtet,
wenngleich Nacht wird.

Wolken, die die Widersprüche
des Seins
zum Schweigen bringen.
Die sagen „Psst“ –
es wird dunkel
und es regnet
und der Himmel
hängt schwer.

Aber die Schönheit
des Lebens
das graue Abendrot
bringt auch an diesem
Dezemberabend
eine mächtig zarte
Vorahnung
der liebenden Unendlichkeit.

 

[Jerusalem, Dezember 2016]

 

IMG_20161215_165804

 

 

 

 

Einsteigen, bitte.

Einsteigen, bitte. Die Hängemattenreise beginnt.
Wo geht’s hin? In die Weite. In die weite Ferne.

Mach die Augen zu.
Höre auf den Wind. Heute macht er der großen Eiche den Hof. Selig von seinen Schmeicheleien wiegt sie sich hin und her.
Hör die Möwen rufen. Der neuste Möwen-Klatsch & Tratsch verbreitet sich in Windeseile. Das klingt alles eintönig – die Melodie aber ist einzigartig.
Lehn dich zurück. Spüre deine Glieder. Der schwere Po, der tiefste Punkt. Der Rücken, rund gemacht. Jede Bewegung von Armen und Beinen schlägt Wellen, zieht neue Bewegungen nach sich. Und in allem umschlossen, geborgen: in der Hängematte.
Öffne den Mund. Fang einen Regentropfen mit der Zunge auf. Oder war es der Morgentau?
Öffne die Augen. Himmel, so weit das Auge reicht. Wolken. Sonnenlicht.
Und beständiger Wandel.

[Hastings, England, August 2015]

haengematte

Vom Sein

Vom Sein

Gut Ding
will Weile
haben

von Eile
kommen
keine
guten
Gaben

Wasser
aus dem Fluss
schöpfen
überm Feuer
kochen

all dies
braucht Zeit
genug Geduld
Beständigkeit
bisweilen.

Und dann
ist man
einfach da

wartet bis der
Eimer sich füllt
das Wasser
heiß wird
die Sonne
wieder aufgeht

Und wir?
Haben wir
verlernt
zu ruhn,
zu sein,
vor lauter Haben?

Hat die
Annehmlichkeit
unser Sein
begraben?

Hier gehts
ums Da-Sein
tag aus
tag ein.

Und morgen?
Werden wir sein
Werden wir sehen.

[Tansania, Sommer 2011]

1-jan.jpg

In den Bergen unterwegs

Wenn ich zu den Bergen aufsehe

rufen mir die Gipfel dein Lob zu

das Echo hallt in meinem Herzen wider

und verliert sich wieder in der Tiefe des Tales

Wenn ich nur in den Tälern an die Gipfel denken möge

auf denen hoch oben ein Gipfelkreuz trohnt

denn woher sonst kann meine Hilfe kommen?

Wenn ich ein Kind lachen höre

wenn es so froh und unbeschwert

ein wenig ungeschickt

mir entgegenläuft

seine Arme ausstreckt und strahlt

dann kann ich mir einen Hauch dessen denken

was es bedeutet, dich Vater nennen zu dürfen

und, auch wenn es ungeschickte Schritte sind,

dir entgegenzugehen, meine Hände auszustrecken

und die deinen zu fassen, die nur auf mich warten

und zu rufen: Abba, lieber Vater!

Wenn ich den Gebirgsbach rauschen höre

wenn seine wilde Musik in meinen Ohren erklingt

wenn ich gleichzeitig durch das klare Wasser

auf den Grund sehe, wo alles stille ist

dann wünsche ich mir, von dir erfrischt zu werden

und aus deiner Quelle zu trinken

bei dir und für dich leidenschaftlich wild zu sein

und doch ganz zur Ruhe zu kommen.

Mein Herr und mein Gott

ich stehe

staunend

lobend

dankend

hier

vor dir.

Ich danke dir,

dass ich in

all meiner Kindlichkeit

all meiner Menschlichkeit

all meiner Schwachheit und Schuld

einfach vor dir stehen kann

wie ich bin

meine Augen zu den Bergen heben kann

woher deine Hilfe kommt

dass du mir schon entgegenkommst

dass deine Hand ausgestreckt ist

und das Wasser des Lebens in deiner Quelle sprudelt,

mein Herr und mein Gott.

 

(2010)

 

Wunder zur Hand

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

Dieser Spruch von Hilde Domin hat mich durch 2015 begleitet und auch für 2016 wünsche ich mir eine kräftige Hand, ausdauernde Geduld und einen aufmerksamen und liebevollen Blick für all die Wunder um mich herum.

image

wenn worte wandern

ich gehe gerne
mit meinen worten
auf wanderschaft
auf wortwanderung
durch
die wälder
die wüsten
die wiesen
die weiten
dieser welt

einer welt
in der ich
wandere
meinen platz suche
und doch weiß:
ich folge einem nach
auf dieser wanderung
ich bin
ein nach-folger
und meine wanderung
hat ein ziel
in der ewigkeit